Offizielle Eröffnung des JRK-Schulsanitätsdienstes
an der Langebergschule Birkenau

"Zurzeit werden wir noch sehr skeptisch beäugt"


Der Stuhl balanciert nur noch auf den beiden hinteren Beinen, wackelt bedrohlich - und fällt schließlich mit einem lauten "Rumms" nach hinten um.

"Au, ich kann meinen Arm nicht mehr bewegen", schreit der Schüler, der sich in einer besonders langweiligen Unterrichtsstunde eben noch cool und lässig mit seinem "Untersatz" gegen die Wand gelehnt hat. Und schon sind sie zur Stelle: die Schulsanitäter. "Das wird schon wieder", beruhigen sie den Leichtsinnigen und leisten mit sicheren Handgriffen erste Hilfe.

Für Situationen dieser Art sind auch die Schulsanitäterinnen der Birkenauer Langenbergschule gewappnet. Seit nunmehr einer Woche sind die neun Mädels im Dienst, jeweils zu zweit und jeweils von 7.50 bis 14.15 Uhr. Und in diesen fünf Tagen hat sich schon einiges ereignet, wie sich beim zweiten Treffen der AG "Schulsanitätsdienst" herausstellt. So wurde schon fleißig verbunden, gepflastert und tatkräftig zur Seite gestanden.

Die Anerkennung, die sich die Schulsanitäterinnen für ihren Dienst wünschen, wird ihnen bislang allerdings noch nicht zuteil. Auf roten Karteikarten halten sie in der AG fest, wie ihre Mitschüler auf sie reagierten: "Wir werden nicht ernst genommen", "Die verarschen uns nur", "Ständig hören wir blöde Kommentare" und "Wir wurden sogar von einigen angeschnauzt". Klare Worte: Die Mädchen fühlen sich in ihrer neuen und verantwortungsvollen Rolle noch alles andere als pudelwohl. Auch für ihr "Dienst-Outfit" ernteten sie nach eigenen Schilderungen schon viele verächtliche Blicke. "Ich habe die Notfalltasche einmal sogar unter meinem Pulli versteckt, weil die ständigen Blicke mir peinlich waren", gesteht eine der Schülerinnen.

Betreuungslehrerin Claudia Fellenberg beruhigt: "Neues wird zunächst doch immer skeptisch begutachtet. Aber das ist nur in der Anfangszeit der Fall. Da müsst ihr einfach selbstbewusst drüberstehen." Und die auffällige Kleidung und die leuchtend orangefarbene Erste-Hilfe-Tasche gehören nun einmal dazu: "Schließlich müsst ihr ja auch für alle als Sanitäter erkennbar sein", erklärt Michaela Jüllich, Gruppenleiterin des Jugendrotkreuzes Birkenau. "Und was machen wir, wenn manche Schüler ständig so tun, als hätten sie etwas, wollen uns aber nur aufziehen?", erkundigen sich die frisch gebackenen Jung-Sanitäterinnen. "Denkt immer dran: Die Feuerwehr rückt selbst bei einem Fehlalarm aus - schließlich weiß sie ja vorher nicht, dass es sich um einen solchen handelt. Und deswegen solltet ihr eure Mitschüler immer ernst nehmen, vielleicht ist ja tatsächlich irgendwas passiert", antwortet Jüllich. "Wenn manche euch nur aufziehen wollen, solltet ihr ihnen klarmachen, dass sie diesen Quatsch lassen sollen, weil sie dann, wenn mal wirklich etwas passiert sein sollte, vielleicht nicht ernst genommen werden."

Im Rahmen des AG-Treffens bewerten die Mädchen, bis auf zwei übrigens allesamt Mitglieder beim Jugendrotkreuz, auch den Einsatzplan sowie die ihnen zur Verfügung stehenden Materialien. Wie das Verbandbuch gehandhabt wird, scheint dabei noch nicht so ganz klar zu sein. Gleich auf den ersten Blick erkennt Michaela Jüllich, wo das Problem liegt: "Ihr habt in einem Fall eine Bänderdehnung notiert. Allerdings seid ihr ja keine Ärzte und somit nicht in der Position, eine Diagnose zu stellen. Also schreibt lieber neutral ,Schmerzen am Fuß"."

"Wir wurden aber schon einmal total angemeckert, weil wir nach der Erstversorgung noch den Eintrag ins Verbandbuch machen mussten, und das hat halt ein bisschen länger gedauert", berichtet eine der Achtklässlerinnen. "Aber es ist eben eure Pflicht, jeden Vorfall zu dokumentieren, um nachzuweisen, dass ihr geholfen habt und um auszuschließen, dass man euch wegen irgendetwas belangt", entgegnet die JRK-Gruppenleiterin. Das Fazit, dass die Gruppe am Ende der Stunde zieht, lautet: Der Schulsanitätsdienst ist einfach noch nicht bekannt genug. Darum planen die Mädels auch, gemeinsam mit ihrer Betreuungslehrerin und Michaela Jüllich nochmals auf alle Lehrer zuzugehen und mit Plakaten in den Klassenzimmern "Werbung" für sich zu betreiben. Vielleicht stoßen ja bald auch ein paar interessierte Jungs zu der lebendigen Truppe ...

Pressebericht der Odenwälder Zeitung am 25.03.2006

 


Lernen, sich für andere stark zu machen

Die Welt lebt von den Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht - unter diesem Motto stand im Januar der Neujahrsempfang der Gemeinde Birkenau, und die neun Jungsanitäterinnen der Langenbergschule haben sich dies bereits zu Herzen genommen.

"Wie ihr hier sitzt, seid ihr allesamt Vorbilder für eure Mitschüler", lobte Rektor Willi Hofmann das Engagement der Mädchen im Rahmen der offiziellen Einführung ihres Dienstes. "Mit diesem verantwortungsvollen Posten erwerbt ihr eine Unmenge sozialer Kompetenzen. Ihr lernt, euch für andere einzusetzen und stark zu machen - und diese Fähigkeit macht sich gerade auch nach eurer Schulzeit bezahlt."

Spätestens nach dem ersten größeren Einsatz, zum Beispiel bei einem Schul- oder Sportfest, merken, so Hofmann, auch diejenigen, die momentan noch eine "große Klappe" an den Tag legen, dass auf den Schulsanitätsdienst nicht zu verzichten ist. "Deswegen: Gebt nicht auf und macht weiter. Ich stehe voll hinter euch und werde das Projekt nach besten Kräften unterstützen", versprach der Rektor.

Ermunternde Worte gab es auch von Seiten des stellvertretenden Jugendrotkreuz-Landesleiters Giuseppe Morittu, des Birkenauer DRK-Vorsitzenden Hans-Martin Stäckler, der den Mädchen "möglichst wenig reale Einsätze, dafür aber umso mehr Möglichkeit zu Übung und Training" wünschte, und natürlich von Bürgermeisterin Ingrid Berbner, die sich die Zeit nahm, jede der Schulsanitäterinnen per Handschlag persönlich zu würdigen. Sie sei selbst Sanitäterin und Schwesternhelferin gewesen und habe sich aus derselben Motivation heraus engagiert wie die neun Mädchen: um anderen Menschen helfen zu können. "Umso bedauerlicher ist es natürlich, dass ihr momentan noch so viele negative Kommentare zu hören bekommt. Aber das wird sich geben", ist sich die Rathauschefin sicher.

Und schließlich könne der Sanitätsdienst für die Schülerinnen auch schon ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft sein. "Jetzt macht ihr das Ganze noch als AG, aber vielleicht entdeckt ihr, dass ihr in diesem Bereich später auch einmal arbeiten wollt. Hier in der Schule könnt ihr austesten, ob es etwas für euch wäre, Arzt oder Krankenschwester zu sein", motivierte Berbner die Mädchengruppe. Nichtsdesto- trotz fände sie es schade, wenn das soziale Engagement in diesem Bereich auch in Zukunft nur in weiblicher Hand läge. Aus stundenplantechnischen Gründen sei es den interessierten Jungs leider momentan noch nicht möglich, an der AG teilzunehmen.

"Das wird sich jedoch bald ändern", kündigte DRK-Jugendgruppenleiterin Michaela Jüllich an. "Und dann werden wir auch wieder einen neuen Erste-Hilfe-Kurs anbieten und die AG ,aufstocken". Jüllich überraschte die Mädchen zum Abschluss der Feierstunde noch mit einem kleinen Präsent: einer gerahmten Bildercollage mit Eindrücken von den gemeinsam absolvierten Übungen sowie einem kurzen "historischen" Abriss zur Entstehung des Schulsanitätsdienstes an der Langenbergschule. Die Collage soll nun einen "würdigen" Platz im Gebäude einnehmen und jedem Passanten vor Augen führen, dass die Leitbilder der Schule - Werte vermitteln, soziale Kompetenzen erwerben - mehr als nur "nette" Worte sind.
 
Pressebericht der Odenwälder Zeitung am 25.03.2006